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AWO Begegnungsstätte "Irma Zöller" + KunstWohlfahrt
 

Neue Ausstellung in der KunstWohlfahrt

Vermischtes


Peter Schumacher – Zeit

Aus der Ausstellungseinführung von Helene Seifert M.A. – Kunsthistorikerin, Karlsruhe

Was zunächst als Hobby begann wurde bald zu einer Passion, die gewissermaßen auch zu seinem Beruf wurde: das Fotografieren und die Beschäftigung mit Fotoapparaten. Peter Schumacher, ein Pfälzer, stellt uns heute als Schwerpunkt 14 seiner Arbeiten zum Thema „Zeit“ vor. Zeit, ein eigentlich abstrakter Begriff, wird hier sichtbar und greifbar und begreifbar. Peter Schumacher hatte die einzigartige Gelegenheit, durch seinen guten Draht zum ehrenamtlichen Türmer und Glöckner, nicht den von Nôtre Dame in Paris, sondern

vom Rathausturm in Ettlingen, Herrn Willi Kleinfeld, eines Tages in dessen luftige Höhen aufzusteigen und einige Stunden fotografierend dort zu verbringen. In dieser interessanten Zeit fing Schumacher in dem Glockenstuhl Motive ein, die vor allem die vergängliche und verrinnende Zeit deutlich machen: Zahnräder, die ineinander greifen und sich bewegen, Klöppel, Werkzeuge, Seile. Vielfältige Strukturen und Materialien wie Glas, Wände aus Stein, Holz der Balken und Metall werden in den Schwarz-Weiß-Fotos deutlich herausgehoben, keine Farbe lenkt vom Wesentlichen ab. Ehrfürchtig und archaisch wirken daher die Motive. Sehr ordentlich, blank geputzt und abgestaubt sieht es da oben aus, der Turmwächter wacht über seine Glocken und Zahnräder. Die Turmuhr stammt von ca. 1800, die Glocke selbst kann noch älter sein, denn es ist die „Sibylla“, nach der wohltätigen Markgräfin benannt, möglicherweise sogar von ihr gestiftet, der Gattin bzw. Witwe des „Türkenlouis“, Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden. Die Ettlinger Rathausglocke zeigt in Relief das Badisch-Sachsen-Lauenburgische Allianzwappen sowie die fromme Markgräfin mit einem Kruzifix in der Hand.
Im Gebälk knackt es manchmal, es knirscht oder klappert, der Wind fährt durch die Turmstube, das gleichmäßige mechanische Knacken der Zahnräder lässt eine Ahnung von Ewigkeit durch diese luftige Höhe wehen, ein einsamer Ort hoch über dem Ettlinger Marktplatz, von wo aus die Menschen vielleicht auf die Turmuhr sehen. Aber auch ein magischer Ort, der seinen faszinierenden Reiz für den Wächter und seine Besucher ausstrahlt. Von 1917 gibt es neuere Zimmermannsarbeiten, als Jahreszahl eingeritzt verewigt; ebenso wie Initialen und Abkürzungen in den Balken. Fast wie eine Geheimschrift erkennt man in weiß oder in Ruß von einer Kerze Andeutungen von Namen wie Toni oder Heini (?). Dabei wäre noch die Aufgabe der Feder zu klären, die eine ganz besondere Bewandtnis zu haben scheint. Vielleicht kann Herr Kleinfeld Auskunft geben?
Begleitet von den Erzählungen und Erklärungen des Turmwächters begab sich Peter Schumacher in diesen geheimnisvollen Raum voller Technik und Mechanik, trat dabei aber auch eine Reise in die Vergangenheit Ettlingens an, entfernt erblickt man die Stadt mit ihren Bauwerken, etwa der evang. Johanneskirche – Glocken grüßen sich gegenseitig, geben Signale. Ruft die eine zum Gottesdienst, warnt die andere vor einer Feuersbrunst oder ruft die Zeit aus. Kontrolluhren zeigen, ob die Zeit noch zeitgemäß ist. Glocken begleiten uns das ganze Leben durch die gesamte Menschheitsgeschichte: sie waren bereits vor ca. 4000 Jahren in China und Ägypten bekannt. Die größte Glocke stammt aus dem Jahr 1733, befindet sich in Moskau, wiegt rund 181 t und ist fast 6 m hoch.
Peter Schumacher hat einen sensiblen Blick für Motive und hält sie im richtigen Moment mit seiner digitalen Profikamera mit nur meist einem Objektiv fest. Er arbeitet gern mit Schärfentiefe, die das Hauptmotiv in der Mitte scharf festhält, den Vorder- und Hintergrund jedoch unscharf belässt. Somit bildet die Fotografie bei weitem nicht nur ab, sondern interpretiert und deutet die Situation. Dadurch schafft er eine ehrfürchtige Hommage an den Glockenstuhl im Ettlinger Rathaus und seinen Turmwächter. In der Platzierung von 14 Motiven entsteht somit eine Collage unterschiedlicher Blickwinkel auf Raumsituation und ausgewählter Gegenstände, in dieser Platzierung fast auch ein nachvollziehbarer Raum, deren Atmosphäre nahezu greifbar wird.
Peter Schumacher reist aber nicht nur gern in vergangene Zeiten von alten Turmstuben sondern auch in der realen Welt umher, vor allem Ziele in Asien, etwa Malaysia, Indonesien und Thailand reizen ihn. Er zeigte Fotografien aus diesem Kontinent in einer früheren Ausstellung. Doch auch hier ist ein Foto aus Hanoi in Vietnam in der Ausstellung, eigentlich ein Farbfoto, das Motiv auf der Einladungskarte, hier in sw, das mit dem Foto des Hafens in Kiel dem Thema „Bewegung“ gewidmet ist. Zum einen dramatisieren Wasser, Wolken, Segen und Masten in Bewegung die Szene, zum anderen gelingt es Peter Schumacher in einer Langzeitbelichtung den chaotischen Verkehr in den Straßen Hanois sichtbar zu machen, der hier fließend wird. Nicht nur Fastfood, sondern auch Fast Traffic gibt es in unserer Welt, alles muss schnell gehen, Zeit ist Geld. Zeit fließt beständig und sichtbar, hier eingefangen durch die Linse von Peter Schumacher.

Daneben hängt ein weiteres Paar: die Fassade eines Gebäudes in der Speicherstadt in Hamburg, die man hin- und herdrehen kann, immer bleibt eine interessante Struktur der Backsteinfassade mit den Fenstern und Lüftungsmotiven. Mit dem Betondurchgang auf dem Stefanplatz in Karlsruhe, einmal durch eine ganz andere Linse gesehen, erhält dieses Motiv eine ästhetische Monumentalisierung, die an eine Guckkastenbühne mit symmetrisch angelegten Bäumen denken lässt oder an den Blick in eine alte Plattenkamera.
Bekanntes wird hier neu gesehen, ein ausgewählter Blickwinkel trägt dazu bei. Die Dramatik kann zusätzlich durch Nachbearbeitung gesteigert werden und der leichte Violett-Stich verleiht den Fotografien doch ein gewisses Kolorit.

Farbe ist nun doch anwesend in den Fotos von Peter Schumacher: ein Fotopaar, von dem eines ein Karlsruher Motiv zeigt: ein Treppenhaus mit einem schönen Schmiedeeisengeländer und am Eingang ein kurioses Schild mit der Aufschrift „Radfahren verboten“, mit dem wachsamen Spürauge des Humors entdeckt. Das andere zeigt eine fast unwirkliche Herbststimmung bei Heuchelheim in der Pfalz, Nebel wabern hinter gespenstischen Bäumen, ein Foto, das an Dramatik nicht zu überbieten ist, schön wie ein Gemälde.

Peter Schumachers Arbeiten zeichnen sich durch eine sorgfältige Motivwahl aus, den Blick fürs Besondere, der auf das Wesentliche konzentriert ist. Für ihn ist eine gute Ausrüstung wichtig, die ihm erlaubt, ein Spiel mit der Schärfentiefe einzugehen, und meistens fotografiert er mit einem Objektiv. Die eindrucksvollen Ergebnisse seiner fotografischen Arbeit der letzten Jahre präsentiert er uns heute hier, und es ist möglich, bei Interesse die Motive auch größer von ihm abziehen zu lassen. Man kann Peter Schumacher zu dieser Ausstellung gratulieren, in der er uns Begriffe wie Zeit oder Bewegung in qualitätvollen, hervorragenden Fotoarbeiten und eindrucksvollen Motiven näher gebracht hat.