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AWO Begegnungsstätte "Irma Zöller" + KunstWohlfahrt
 

Neue Ausstellung in der KunstWohlfahrt

Vermischtes

Klaus Lustig – Revue
Aus der Ausstellungseinführung von Helene Seifert M.A. Kunsthistorikerin/ Karlsruhe

Auch der schwedische Kult-Fotoapparat, die Hasselblad, wurde in diesem Jahr 2017 60 Jahre alt. Sie ist legendär und geradezu der Rolls Royce, Mercedes und Ferrari der Fotoapparate in einem. Grund genug, diesen 60ern zu gratulieren und ihnen ein kleines Denkmal zu setzen. Mit der Hirschbrücke hier in der Südweststadt gelingt es Klaus Lustig, ihr eine einzigartige Dynamik zu verleihen, allein durch den extremen Winkel, den er wählt. Damit erhebt er die Eisenbahnbrücke aus der Zeit von Großherzog Friedrich zu einem Monument und Zeitdokument. Wie sonst will man die ganze Hirschbrücke auf ein Foto bannen? Wie der Klassiker-Fotograf und Maler Alexander Rodtschenko, der im Russland als Vertreter des Konstruktivismus bekannt war und sich seit den 1920er Jahren der Fotografie in ungewöhnlichen Perspektiven widmete, begibt sich Klaus Lustig auf die Suche nach einer ungewohnten Ansicht, einem Versatzstück, durch das man sich jedoch das Gesamte erschließen kann.

Spuren der Zeit werden sichtbar. Der Fotograf sieht ein Motiv, er stellt es nicht, und wenn etwas stört, wie Autos oder viele Menschen, dann wird ein Foto eben auch mal nicht gemacht. Auf dem Hasselblad-Film sind schließlich nur 12 Fotos möglich, da überlegt man sich gut, ob man das Motiv wirklich gut erfassen kann. Meist hat Klaus Lustig ein Stativ dabei, denn er entscheidet sich oft für längere Belichtungszeiten. Obwohl er mit digitaler Fotografie angefangen hat, liebt er seine mechanische Kamera, die sehr robust ist – war sie doch beim ersten Weltraumflug auf den Mond mit dabei! – die man wunderbar aufklappen und von oben durchgucken kann, und die sogar einen angebauten Belichtungsmesser hat, ein sorgfältig gepflegtes und gehegtes Spielzeug.

Wer Klaus Lustig kennt, der weiß, dass er ein großer Fan der Bretagne ist. Er liebt mit seiner Familie die Landschaft, die Geschichte und Kultur des Landes, die Menschen. Es ist ein Land, in dem sich die Lichtverhältnisse schnell ändern, eine große Herausforderung für jeden Fotografen. In einer dichten Collage möchte uns Klaus Lustig die verschiedenen Aspekte der bretonischen Landschaft zeigen: das Motiv auf der Einladungskarte sind die verschlossenen Verkaufsstände der Spitzenklöpplerinnen, die tagsüber ihre Waren feil halten. Hier, nach Feierabend, wenn die Sonne schon fast verschwunden ist, wirken die Buden wie Wächter einer vergangenen Zeit, immer noch in ein weiches, diffuses Licht getaucht, mit den typischen Farben der Bretagne – Blau wie der Himmel, Grün wie die Vegetation, Beige wie der Sand an der Küste. An dem über 2 km langen Strand kann man oft stundenlang allein gehen, angespültes Schwemmgut sieht aus wie fantastische Wesen aus einer anderen Welt, an den Strand geworfen, ausgespuckt vom geheimnisvollen Meer. An der bretonischen Küste findet man auch immer wieder Zeugnisse aus der jüngeren Vergangenheit, ein deutscher Vorbunker, der aussieht wie ein angespülter riesiger 70 Jahre alter Fisch aus Beton, wie ein Raumschiff, und künstlerisch gestaltet wird er wieder zum rosa Fisch, die Beischriften machen ihn zum Mahnmal: Gräten oder Gefangene im Fisch?
Die Digitalfotos zeigen auch Motive in Bewegung, z.B. die auffliegenden Möwen in verschiedenen Flughaltungen. Selbst die Folgen der Orkane werden sichtbar in den verfallenen Fenstern und Häusern, die von Dachdeckern in typischer orkandichter Schieferdeckung geschützt werden. Die weißen Hausfassaden mit ihren prägnanten Kaminformen, Steinmauern und Gärten mit Palmen und Palmfarnen sind markant für diese Gegend. Ausgemusterte Boote wurden früher am Strand liegen gelassen, bis sie Wind und Wetter verwittern und dem Erdboden und dem Meer zurückgeben. Heute liegen diese Schiffe auf Grundstücken und warten auf ihren letzten Atemzug, sie ruhen in Frieden, ein Boot heißt „La Paix“, der Friede. Früher im Meer, jetzt im Garten, einem Paradiesgarten in der Bretagne.
An der Wand daneben wieder heimische Motive: ein Wald bei Lauterburg, hinter dem eine Fabrik lauert, der Heidelberger „Knast“ = Zoo, in dem ein Orang Utan-Weibchen gefangen herumhängt. Die Bronzetür der Stefanskirche: die Bierflasche sieht so aus, als ob sie gerade von dem Heiligen auf der Tür geleert wurde, er liegt wie betrunken auf dem Boden, wurde in Wirklichkeit gesteinigt. Und in den Steinen der Bretagne kann man anthropomorphe Figuren erkennen, vielleicht „Madame Breizh“, wie die Bretagne auf bretonisch heißt, und die uns ihre vielleicht erotischen Geheimnisse anvertraut. Klaus Lustig inszeniert diese Motive nicht, er entdeckt sie, erkennt die verborgenen Geschichten in ihnen und hält sie fest, um sie uns mitzuteilen, ironisch, aus dem Alltagsleben gegriffen. Eine Revue der Erfahrungen und Weisheiten des Fotografen.
Auch den Gang und die Bar sollte der Betrachter beachten: uns begegnet ein Fahrrad in luftiger Höhe der Oststadt, ein anderes Mal eine dichte Häuserschlucht in Wien, bei der sich Klaus Lustig dachte, wie würde das wohl Rodtschenko machen? Bewusst anders belichtet wirkt dieses grobkörnige Bild wie ein Gruß aus dem Beginn des letzten Jahrhunderts.
Im Gang um die Ecke wieder etwas Überraschendes von Klaus Lustig: eine Art achtteilige Bildergeschichte. „Die Möwe und die Lotte“ (Lotte ist ein bretonischer Fisch, Anm.d.A.), eine Möwe landet im Hafen, sieht sich um, sieht sich neugierig nach etwas Fressbarem um, sondiert auf der Kiste, hüpft in die Kiste und guckt heraus, hat im Schnabel das Endstück des Knorpelfisches, das bekanntlich ein Leckerbissen für alle Möwen ist, fliegt davon. Dann sitzt sie oder eine andere Möwe erneut auf der Banana-Kiste, alles beginnt von neuem.
Der Fotograf muss warten, wie eine Möwe denken, im richtigen Moment abdrücken, sich die Geschichte überlegen, sie uns erzählen.
In der Bar hängen vor allem wieder bretonische Motive, in wirkungsvolle Korrespondenz gebracht: Sohn Max am stürmischen Meer, daneben eine mehrsprachige Warnung vor hohen Wellen, in ungelenkem Deutsch heißt das dann „Sterbliche Gefahr“. Eine Komik, die zum Lächeln anregt, Sprache ist doch etwas Seltsames, Übersetzungen können tragisch sein.
Weiterhin leuchten geschichtsträchtige Leuchttürme in ungewöhnlichen Perspektiven, von König Ludwig XIV. geschleifte Kirchtürme erzählen tragische Begebenheiten der vergangenen Zeit, mäanderndes Brackwasser, Steine und Kühe erinnern an mythische Berichte, in denen der Faustkeil von Zeus auf die Erde gefallen ist. Verfallende Schiffe sind gerade noch Gerippe ihrer selbst, vergehen und blicken zurück auf bessere Zeiten, Revue.
Im Gang findet man noch zwei Karlsruher Geschichtszeugnisse in Schwarz-Weiß, eine Hommage von Klaus Lustig an seinen Vater, einem gelernte Fotografen, der nach dem Krieg einen Blick auf den Kronenplatz wirft und Theodor Heuss im Zug festhält. Welche Uniformen trugen wohl die Wachmänner vor dem Krieg? Eine neue Zeit bricht an, man sieht voraus, blickt aber immer noch mit einem Hühnerauge in die Vergangenheit. Die alte und die junge Vergangenheit hält uns Klaus Lustig in seiner Ausstellung mit dem Thema Revue vor Augen, mit Fotografien, die das Leben schrieb. Viel Erfolg, lieber Klaus Lustig, auch zum runden Geburtstag, und Ihnen allen nun viel Vergnügen und lebhafte Gespräche beim Betrachten!

 
 

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