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AWO Begegnungsstätte "Irma Zöller" + KunstWohlfahrt
 

Annette Ziegler neue Holzdrucke - Unikate

Vermischtes


Aus der Serie Köpfe 2019

Ausstellung 20. November 2019 bis Ende Januar 2020 in der KunstWohlfahrt
Annette Ziegler experimentiert seit einigen Jahren mit dem Holzdruck als Handarbeit.
Aus Holzabfällen werden Druckformen gesägt und vielfarbig gedruckt –nebeneinander und übereinander. Jede Arbeit ist ein Unikat. Als Spiel entsteht eine neue Bildsprache.
Es sind Serien mit vielen Variationen zu verschiedenen Themen entstanden:
Landschaften, Kompositionen, Figuren.

Beispiele der aktuellen Arbeiten sehen Sie in dieser Ausstellung.

Vernissage Annette Ziegler Neue Holzdruck-Unikate 22.11.2019 in der KunstWohlfahrt

Die Künstlerin Annette Ziegler präsentiert in der KunstWohlfahrt einige ihrer neuesten Arbeiten zu verschiedenen Themen in der Technik Holzdruck. Im Eingangsraum begegnen Ihnen auf einer Wand fünf Kompositionen, die wie ein Polyptychon aufgebaut sind: ein größeres in der Mitte, zwei kleinere jeweils seitlich davon; durch diese Symmetrie geht eine fast sakrale Wirkung von ihnen aus. Auf äußerst hochwertigem Büttenpapier sind abstrakte, vertikal angeordnete Formen zu sehen. Diese Formen hat Annette Ziegler selbst aus Holzplatten ausgesägt und immer wieder verwendet. Die Formen werden wie Druckstöcke mit qualitätvoller, lichtechter Buchdruckfarbe eingefärbt, und die Künstlerin drückt und druckt diese auf die Papiere, echte Handarbeit also. Hierbei sind die Variationen wichtig, die auch die Arbeitsweise erkennen lassen. Einzelne Formen tauchen immer wieder in anderen Farben und in unterschiedlichen Anordnungen auf. Jede Variation wirkt anders: ist einmal eine dunkle Form vor einer hellen Form gedruckt, das andere Mal eine helle vor einer dunklen Form; auch dunkel auf dunkel und hell auf hell kommt vor. Dabei lässt
sich die Künstlerin Annette Ziegler intuitiv leiten. Sie experimentiert, erprobt, sieht in einem langen Arbeitsprozess Farben und Formen aufeinander wirken, verleiht ihnen Akzente. Flächige Formen korrespondieren mit linearen, freien Flächen oder Farbflächen werden mit Punkten durchdrungen; jeder einzelne Punkt in Augenmaß aufgedrückt. Durch das Hell und Dunkel und die Überlagerung der einzelnen Formen entsteht auch ein Vorn und Hinten, eine Räumlichkeit. Erinnern uns diese ersten fünf Kompositionen nicht vielleicht an ein Häusergewirr von Wolkenkratzern in einer betriebsamen Großstadt? Vertikal angeordnete und sich überschneidende Formen suggerieren dies. Oder Sie mögen vielleicht an andere Dinge erinnert werden: an ein Emporsprießen von vegetabilen Formen o.ä. Das bleibt ganz offen. Annette Zieglers Intention ist es, fröhlich wirkende Kompositionen hervorzubringen, gleichwohl diese streng komponiert sind, mit scharf umrissenen Konturen und klaren Farbwerten, die in sich nicht changieren.
Es soll ein heiteres Spiel der Formen und Farben sein. Die Kombination der Formen mit anderen Farben soll stets ein anderes Ergebnis zeitigen, eine andere Variation hervorbringen.

Sehen wir uns nun die gegenüber liegende Wand an: hier finden wir vier klare, quadratische Kompositionen vor, die Farbflächen streng durchsetzt von schwarzen Linien und Formen. Diesen Bildern liegt die Erinnerung an eine Reise nach Vietnam zugrunde, die auf die Künstlerin einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat. „Auf dem Mekong“, „Gartenhaus“, „Das vietnamesische Meer“ und „Nachtmeer“ lauten die Titel, und sie sind sprechend: wenn abends auf dem Mekong und dem Meer die Fischer mit ihren Booten zum Fischfang ausziehen, so haben sie Lichter an ihren Booten, um die Fische anzulocken, und nach und nach, die Nacht senkt sich herab, sieht man ein Geflirre an kleinen sich bewegenden Lichtpunkten am Horizont. Dieses Blinken und Flimmern stellt Annette Ziegler in unnachahmlicher Weise dar: schwarz-weiße Formen rahmen den Fluss, auf dem sich Assoziationen von Booten, Fischen oder schwimmenden Märkten erkennen lassen.
Das dritte Bild ist das großflächige Meer, scheinbar von oben gesehen, angedeutete Schiffsformen, verbunden mit rätselhaften Motiven wie dem Mäander, der seinerseits ein Zeichen der Bewegung und des Fließens ist. Punkte tragen dazu bei, dass der Eindruck des Flimmerns entsteht. In dieser Abstraktion sind Räumlichkeit und Perspektive nebensächlich, die Impression und Emotion des Erlebens eindrücklich gegenwärtig. Das zweite Bild, das „Gartenhaus“ gibt mit dem zentralen Motiv des Hauses das Thema wieder; rundherum breitet sich ein Garten aus mit vielen farbenfrohen Formen, die an die üppige Vegetation Vietnams denken lassen. Bäume und Blumen schwingen im Wind, hervorgerufen durch rundliche Formen und Spiralmotive. Ein fröhlicheres Gartenhaus habe ich noch nie gesehen. - Das letzte Motiv “Nachtmeer“ lässt trotz der überwiegend dunklen Formengebilde immer wieder Farbigkeit durchscheinen, wie es auch in der Nacht etwa farbige Schatten gibt. Assoziativ erkennen wir runde und spitzovale Formen, die etwa auch an Schiffe oder schwimmende Flächen denken lassen, das Punktgewirr versiegelt wie in einem horror vacui die Fläche zu einem fließenden, flimmernden Ganzen. Ein ganz besonderes nächtliches Erlebnis wird hier reflektiert.

Rechts und links davon zwei „Paradiesgärten auf Hawaii“: in frischen, klaren, meist hellen Farben erkennt man großflächige Formen, die an Gräser, Bäume und Blüten erinnern, hinterfangen von Grünflächen oder eingebunden in schwarze Gitterformen, die wie Zäune wirken. Es genügen wirklich nur Andeutungen, und wir verstehen intuitiv, was die Künstlerin uns mitteilen will:
grün-bunte Erlebniswelten.

Einen ruhigeren, flächigeren Eindruck als die vietnamesischen Meere bieten dagegen die zwei Drucke links in der Ecke: „Nach dem Orkan“ und „Park mit gelber Statue und Wolf“. Klare, meist blautonige Flächen oder Formen wechseln miteinander ab, als ob nach einem Orkan zunächst einmal alles chaotisch wirkt, nun soll Ruhe und Ordnung hineingebracht werden. Das Chaos will geordnet sein; der Park mit der Statue und dem Wolf bringt die ersehnte Ruhe und Ordnung. Figürliche und abstrakte Motive alternieren, stehen gleichberechtigt neben-, über- und untereinander, wie auf klar umgrenzten Rasenbeeten bei einem Spaziergang durch einen Park.

Auf der Wand gegenüber und ums Eck drei zusammengehörige Bilder: „Insel der Sirenen“, „Festung im Meer“ und „Insel der Phäaken“, ebenfalls auf einen Reiseeindruck der Künstlerin zurückgehend, es war eine Reise auf die Liparischen Inseln, genau genommen die vulkanisch aktive Insel Stromboli, hier ein antik-griechisches Ergebnis. Zunächst schippert Odysseus auf seiner Irrfahrt durchs Mittelmeer um die Insel der Sirenen, die ihn mit ihrem Gesang betören; schwelgerisch sind farbige Formen um einen zentralen Ruhepol gruppiert. Und wenn Sie genau auf die blaue Meeresfläche sehen, erkennen Sie, dass weitere Strukturen diesem Blau zugrunde liegen, überdruckt doch Annette Ziegler eine frühere Arbeit und erzielt somit ein erstaunliches Ergebnis. Kein Maler könnte so etwas mit dem Pinsel malen, überdruckte Farbflächen bieten einen ganz eigenen Oberflächenreiz. Auch wird bei Annette Ziegler nichts vergeudet; das kostbare Büttenpapier erhält wie eine chinesische Teeschale durch eine Überarbeitung eine Aufwertung, eine Wertschätzung. Die Wege des Odysseus führen weiter zu einer Festung im Meer. Blautöne und Schwarz liegen dieser Komposition zugrunde; um eine Mittelmeerfestung gruppieren sich Flächen, die mit linearen oder Punktstrukturen durchsetzt sind. Die „Insel der Phäaken“, der Ort, an dem Odysseus lange Zeit verbrachte, wird mit der Insel Korfu gleichgesetzt, die Landschaft bestimmt von Olivenbäumen und Zypressen, wahrhaftig ein Ort, an dem man sich wohlfühlen kann. Ein Mäander- bzw. Labyrinthmotiv zieht uns hinein in das Herz der Insel; wir docken an mit all unseren Habseligkeiten, einem Schiff, unserer Krone, unseren Booten. -
Auch hier möchte ich noch einmal die Arbeitsweise von Annette Ziegler betonen: sie kombiniert stets von Hand ausgesägte Druckstöcke aus ihrem Fundus mit verschiedenen Farben und in unterschiedlicher Anordnung; somit entstehen schier unzählige Variationsmöglichkeiten. -
Ich habe noch gar nicht viel über die Künstlerin erzählt. Eigentlich möchte sie das auch gar nicht so gern. Aber man versteht ihre Vorgehensweise und diese fantastische Idee der Form- und Farbkombination, der Freude an dem spielerischen Miteinander von Strukturen und Themen mit Variationen auch erst dann, wenn man ihren akademischen Hintergrund kennt. Annette Ziegler studierte Romanistik, dann Bildende Kunst an der Kunstakademie in Karlsruhe. Viele Reisen brachten sie ins In- und Ausland, verbunden mit zahlreichen Ausstellungen. Auch gab und gibt sie ihr Wissen und ihr Können weiter, ehemals an der Hochschule für Technik und Gestaltung in Mannheim, heute privat. Und sie sprüht immer noch voller Neugier und Freude für die Kunst, die sie so inspiriert.
Mit dem Motiv auf der Einladung, dem „Doppelkopf“, zwei Profilköpfen, vielleicht ein Mann und eine Frau, jedenfalls ein schönes Paar, bieten mit ihren Nasen und dem spitzen Kinn einen herrlichen Wegweiser auf die Fortsetzung der Ausstellung im Gang.
Dort treffen sie auf etwa acht im Jahr 2018 und 2019 entstandene Variationen des Themas
„Wir brauchen neue Köpfe“ - dieser Titel ist durchaus ironisch, vielleicht sogar auch politisch zu verstehen. Mit nur ein bis zwei Grund-Druckformen sind schier unendliche Varianten dazu möglich. Diese Profilköpfe mögen vielleicht in ihrer Plakativität vage an die Kopffüßler von Horst Antes erinnern, weichen sie doch strikt davon ab. Neu figurativ weisen diese Köpfe manchmal eine strenge Komposition auf, die mit ihrer klaren Abgrenzung maskuline Züge aufweisen; zuweilen sind sie spielerisch mit Punkten versehen oder um punktet, um eine allzu strenge Linie zu mildern, oder sie sind weich und rund mit Linien oder anderen Chiffren umgeben, die dem Kopf ein sehr feminines Wesen verleihen. Man muss wirklich genau hinsehen, um zu erkennen, dass es sich bei den Farbflächen und Formen nicht um Collagen handelt, auch nicht um gemalte Flächen. Auch hier erkennt man die Handarbeit der Künstlerin, ihre Körperkraft, die durch den Druckstock über die Farbe auf das Papier übergeht, leicht unklare Ränder entstehen, oder beim Abheben der hölzernen Druckform vom Papier zieht sich ein Farbrest ins Papier, wie um uns zu sagen:
Ich bin keine perfekte, klar umrissene, jederzeit wiederholbare Computergrafik, ich bin aus Fleisch und Blut, aus Holz und Buchdruckfarbe! Ich bin ein echtes Künstler-Unikat!

„Wir sind bunt“ so lautet der Titel der letzten Variationsreihe von Annette Ziegler. Vergnüglich geht es hier weiter: zwölf Holzdrucke zeigen ebenfalls in vielen farblichen und Formenvarianten vertikale Kompositionen, Menschen neben- und hintereinander, manchmal ein dicht gedrängtes Menschengewirr, vielleicht das in einer Großstadt, mit einem Hund, der sich durch die Beine wie durch Hochhäuser schiebt. Gewellte oder geradlinige langgestreckte Formen, die im oberen Bereich an einen Kopf mit einem Auge oder Gesicht erinnern, überlagern sich oder bilden – einander ergänzend – eine Einheit. Eine Verschmelzung von Mann und Frau, ein Miteinander einer Familie oder gleichgesinnten Gruppe. Und seien Sie ehrlich: wollen wir nicht alle bunt und individuell sein? Die geordnet gesetzten Punkte auf der Oberfläche sind manchmal kleiner, manchmal größer, zuweilen enger oder weiter auseinandergesetzt. Hell auf dunkel, dunkel auf dunkel, hell auf hell, dunkel auf hell… immer wieder in neuen, unerwarteten Variationsmöglichkeiten. Die Farbe sitzt manchmal dicker, pastoser auf, übereinander, wirkt wie ein Farbrelief, suggeriert ein Vorn und Hinten, trotzdem ist alles flächig komponiert. Diese Beispiele aus den Serien der Künstlerin Annette Ziegler sollen Ihnen die Bandbreite ihres rein druckgrafischen Werks zeigen. Ich muss nicht extra erwähnen, dass Sie alle hier ausgestellten Werke der Künstlerin auch kaufen können, wenn sie Ihnen gefallen! Wenn Sie sie heute bezahlen, können Sie sie heute schon mit nach Hause nehmen, oder einem lieben Menschen schenken; Gelegenheit dazu gibt es ja bald wieder am Fest der Feste beispielsweise. Die Preise auf der Liste verstehen sich mit Rahmen.

Und zum guten Schluss hält Annette Ziegler noch ein ganz besonderes Schmankerl für Sie bereit, nämlich sechs Variationen zum Thema „Der unschlüssige Stier weiß nicht, wohin mit der EUROPA“, hier im Eingangsbereich in der Mitte. Sechs Arbeiten, die zum sensationellen Wohlfahrtspreis zu je 100,- € (ggf. zuzüglich 20,- € Selbstkostenpreis für den Rahmen) erstanden werden können. Angelehnt an das 100-Gulden-Blatt von Rembrandt soll sich auch hier jeder Kunstfreund ein echtes Original-Kunstwerk leisten können. Und wie herrlich die Europa auf dem trutzigen Stier hingegossen ist, einmal neckisch-erotisch und oben ohne, einmal züchtig auf dem Stiernacken sitzend. Welche Europa oder „welches“ Europa wollen wir eigentlich? Suchen Sie sich Ihr oder Ihre Lieblingseuropa aus, ganz unpolitisch! Hier kulminiert alles, was es zu Annette Zieglers Arbeiten zu sagen gibt: endlos variiert in frischen oder gedämpften Farben, veränderten Formen, mit Punkten oder symbolhaften Zeichen akzentuiert, ein fröhliches Spiel mit Fantasie, auf und mit hoch-qualitätvollen Materialien, mit kreativem Können und schöpferischer Freiheit, so sind die Unikate und so ist Annette Ziegler.

Helene Seifert M.A. Kunsthistorikerin Karlsruhe