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AWO Begegnungsstätte "Irma Zöller" + KunstWohlfahrt
 

Weckruf der Revolution

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Alfred Döblins monumentales Epos über die gescheiterte Revolution von 1918 schildert, wie die Chancen auf einen Neuanfang verspielt wurden.
von Patrick Eiden

Gegen Ende des zweiten Bandes seines Epos »November 1918. Eine deutsche Revolution« fragt Alfred Döblin, wer eigentlich für die Aufzeichnung der Ereignisse zuständig sei. Ansprüche könnten von »Erzählern und Geschichtsschreibern« angemeldet werden, von »Geschichts- und Geschichtenschreibern«.

Döblin selbst hat die Tren­nung zwischen Historie und Fiktion nicht akzeptiert; seine Tetralogie, die der Fischer-Verlag zum 90. Jahrestag der Novemberrevolution neu aufgelegt hat, markiert sich im Untertitel als »Erzählwerk« und erhält so bewusst eine Spannung zwischen fiktionalem und historiografischem Erzählen, die sich auch im Verlauf der mehr als 2 000 Seiten nicht auflöst.
Berlin, 4. Januar 1919: Letzte öffentliche Ansprache Karl Liebknechts, vor dem Ministerium des Innern, Unter den Linden
Berlin, 4. Januar 1919: Letzte öffentliche Ansprache Karl Liebknechts, vor dem Ministerium des Innern, Unter den Linden (Foto: PA/akg-images/Willy Roemer)

Döblin erzählt die Geschichte der deutschen Revolution von ihrem Ausbruch im November 1918 bis zur Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am 15. Januar 1919. Um die historische Ereignisfolge herum wird eine Unzahl von Handlungssträngen und Lebensfäden entsponnen, die fiktionale Figuren neben die his­torischen Protagonisten treten lassen. Die Revolution erscheint bei Döblin als Einbruch in den natürlichen, gesetzmäßigen Gang der Dinge; die Welt zeigt sich »brüllend von Realitäten, an tausend Stellen gleichzeitig Tatsachen aus­schwit­zend«. Eine solche Situation, in der alles möglich erscheint und alle Möglichkeiten nach Realisierung drängen, lässt sich nur mit erzählerischen Mitteln erfassen.

Döblin nähert sich seinem Gegenstand in einer schweifenden Erzählperspektive, die zwischen Figuren und apersonalen Beschreibungen ab­wech­selt. Auch die sarkastischen Kommentare, die mitunter eingeschaltet sind, bilden kein Zen­trum, sondern bleiben eine Stimme unter vielen. Es wird frei Erfundenes mit historischen Quellen montiert, Archivmaterial wird gerahmt von fiktiven Dialogen und inneren Monologen. Der ganze technische Aufwand geht bei Döblin schließ­lich in einer einheitlichen Textoberfläche auf, die ihren Montagecharakter nie selbstzweckhaft zur Schau stellt. Es entsteht der Effekt eines energetischen Realismus, der an jeder Stelle einbekennt, dass »die Realität« eine solche von ungeschlichteten Widersprüchen ist.

Die Vielstimmigkeit seines Textes darf Döblin dabei keineswegs als Unparteilichkeit ausgelegt werden. Der Text positioniert sich auf Seiten der Revolutionäre, die die »phantastischen Möglichkeiten« des Neuen ergreifen und die sehr bald die ersten Opfer der Revolution werden sollen. Auch der Feind ist klar: Neben den Mäch­ten der alten Welt, den preußischen Offizieren und Junkern, sind es vor allem diejenigen, die die Revolution an diese Mächte verraten: die Sozialdemokraten um Ebert und Scheidemann.

Die Figur des Ebert stellt für Döblin zunächst ein erzähltechnisches Problem dar: Wo Erzählungen zumeist von Ereignissen ausgelöst werden und diese zu Zusammenhängen verketten, da ist Ebert nichts als ein »Verhinderer«: »Ihm lag daran, zu verhindern, dass etwas geschah, und das, was geschehen war, rückgängig zu machen.« Ebert ist ein Mann der Anti-Möglichkeit. Wie kann man erzählen, wenn solch eine Figur die Initiative ergreift? Gleichzeitig stellt die­ser »kleine dicke Ebert«, der gern groß tun will, so etwas wie die traurige Allegorie des deutschen Proletariats dar, das – in Eberts eigenen Worten – die »fünfzigjährige Erziehungsarbeit der deutschen Sozialdemokratie« durchlaufen hat. Und so müssen auch die Bürger aus dem Westen Berlins anerkennen, dass die »Sozis in der Regierung« durchaus anständige Männer sei­en: Die »Volksschulbildung« habe gewirkt, so folgern sie. Man wird in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts schwer eine unangenehmere Figur finden als den döblinschen Ebert.

Ausgerechnet Karl Liebknecht muss im Gespräch mit dem russischen Emissär Karl Radek erkennen, wie repräsentativ Ebert für das verbürgerlichte deutsche Proletariat ist. Und gleich­zeitig wird Liebknecht der dunklen Kehrseite dieser Verbürgerlichung gewahr: Er sieht plötzlich überall »Soldatentypen, Kriegertypen«, vom Krieg verrohte »Wolfsmenschen«, die keiner menschlichen Ansprache mehr zugänglich sind. Der Versuch der beiden Kommunisten, die­se Typen als »Gesindel« und »Kleinbürgerpack« abzukanzeln, will nicht recht überzeugen. Döblin zeigt hier eine Präfiguration jener faschistischen Mörderbanden, die 1933 die Revolution endgültig besiegen und dann auch ihre alten Helfer von der SPD nicht mehr schonen werden.

Überall in Döblins Revolutionswerk lassen sich solche Durchsichten auf den Nationalsozialisten wahrnehmen, die der Erzählung etwas Gespenstisches verleihen. Im Fortgang der vier Bände – und wohl während des Schreibens selbst: Döblin verfasste sein Epos auf der Flucht vor den Nazis während des Zweiten Weltkriegs – treten die offenen Möglichkeiten hinter die Toten zurück, die der Geschichte zum Opfer gefallen sind. Neben einer unglaublichen Fülle an po­litischen und historischen Erwägungen, die der Text zur Debatte stellt, rückt so schließlich eine Dimension ins Zentrum, die vielleicht als politisch-theologische oder politisch-mystische zu bezeichnen wäre.

Insbesondere im letzten Band, dem Totenbuch für »Karl und Rosa«, treten Tote und Untote als handelnde Figuren auf, die ihr Recht fordern: Sie wollen den »Weckruf der Revolution« hören, der allein sie erlösen könnte. Sollte dieser Ruf unerhört verklingen, so schreibt Döblin aus seiner Gegenwart heraus der Revolution retrospektiv-prognostisch ins Stammbuch, dann wird jede Möglichkeit eines Aufbruchs, eines Bruchs überhaupt auf lange Zeit vergeben sein.

Die politisch-theologischen Spekulationen eröffnen bei Döblin einen Reflexionsraum, in dem sich der Zusammenhang von Opfer und Möglichkeit, von einmaliger Vergangenheit und offener Zukunft verdichtet. Der Text selbst tritt dabei nie predigend auf (auch wenn in diesem Text viel gepredigt wird); das Theologische lässt sich daher auch nicht restlos mit Döblins eigener Konversion zum Katholizismus verrechnen, die in seinem Schreiben doch auch zwei­fellos Niederschlag gefunden hat. Wie der politisch-theologische Komplex – der immer auch ein literarischer ist – sich erschließen ließe, davon geben in ihrem letzten Gespräch »Karl und Rosa« eine Probe, wenn sie über Miltons »Paradise Lost« diskutieren. Für Liebknecht ist der Miltonsche Satan eine Allegorie proletarischen Aufbegehrens; für Luxemburg bleibt er ein Versucher, der vom Guten ablenkt und mit dem sie innerlich noch unter den Gewehrkolbenstößen ihres Mörders ringt. Wer hier Recht hat und ob es überhaupt noch ums Rechthaben geht, das bleibt dahingestellt. Klar scheint nur, dass das revolutionäre Subjekt ohne diese Fragen in der Gegenwart nicht bestehen kann.

Die einzigen Figuren im Roman, die niemals theologisch erregt werden, sind die zynischen Realisten in der Regierung: der »brauchbare Noske« etwa, der ganz in seiner Brauchbarkeit aufzugehen scheint. Döblin artikuliert das Entsetzen über die Opfer dieser Realisten. Der fromme Ton, der dabei bisweilen aufkommt, hat hier seinen Ursprung. Denn das Entsetzen, so Ricoeur, ist »Kehrbild der Verehrung«. Die »Verehrung« der Opfer ergötzt sich bei Döblin nie an deren Opferstatus, sondern bleibt durchsich­tig auf die Möglichkeiten des Neuen, über dessen Gestalt sich »Karl und Rosa« bis zum Schluss streiten und um dessen willen sie ermordet werden.

In ihrer gebremst avantgardistischen Schreib­weise bleibt die Geschichte durchgängig spannend, und das immerhin über eine enorme Länge. Zur schönen Neuausgabe bleibt anzumerken, dass statt des überflüssigen Eintrags aus »Kindlers Literaturlexikon«, der im An­hang aller vier Bände abgedruckt ist, ein ausführlicherer Hinweis zur verwickelten Entstehungs- und Publikationsgeschichte sehr hilfreich gewesen wäre – oder vielleicht gar ein Namensregister? Einem rein historiografischen Werk wäre ein solches sicher auch beigegeben worden.

Alfred Döblin: November 1918. Eine deutsche Revolution. Romantetralogie, 4 Bände. Fischer, Frankfurt a/M.

Bürger und Soldaten. 416 Seiten, 17,90 Euro

Verratenes Volk. 492 Seiten, 18,90 Euro

Heimkehr der Fronttruppen. 576 Seiten, 18,90 Euro

Karl und Rosa. 784 Seiten, 19,90 Euro