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AWO Begegnungsstätte "Irma Zöller" + KunstWohlfahrt
 

Gegen jeden Antisemitismus - was heißt das eigentlich? Plädoyer für einen antibarbarischen Antifaschismus.

Vermischtes

Neonazis stehen mit ihrem Antisemitismus nicht allein.
Im vergangenen Jahr gingen sie gemeinsam mit tausenden
anderen gegen Israel auf die Straße. Mit Teilen der radikalen
Linken – wie in Essen – und mit Islamisten – wie in
Dortmund und Frankfurt. Der Anschlag auf das Dorstfelder
Mahnmal in der Silvesternacht steht in einer Reihe mit
den Ereignissen des Sommers, als von Wuppertal bis Paris
Synagogen und jüdische Geschäfte angegriffen wurden.
Eine Serie antisemitischer Gewalt, die mit dem Terror von
Paris in der vergangenen Woche einen neuen Höhepunkt
erreichte. Auf die Frage eines Journalisten, warum er gerade
einen koscheren Supermarkt für die Geiselnahme ausgewählt
hatte, antwortete der islamistische Attentäter Coulibaly
in aller Deutlichkeit: „Ja. Die Juden.“ Er sprach aus,

was einem Großteil deutscher Politiker und Journalisten
noch immer schwerfällt: Die islamistischen Attentate in
Paris waren natürlich auch antisemitisch.
Eine Woche ist es her, seit Coulibaly, Mitglied des Islamischen
Staates, in einem jüdischen Supermarkt vier Geiseln
erschoss, nur weil sie jüdisch waren. Einen Tag zuvor waren
seine Glaubensbrüder Said und Cherif Kouachi, mutmaßlich
Mitglieder von Al Qaida, in die Redaktion der Charlie
Hebdo gestürmt, und hatten 12 Menschen ermordet. Die
Journalisten hatten es gewagt Mohammed, den Warlord aus
Mekka, ebenso zum Ziel ihres Spottes zu machen wie Juden
oder Katholiken.
Die Anschläge in Paris fanden also nicht im luftleeren
Raum statt. Auch ihr Antisemitismus ist elementarer Bestandteil
des islamistischen Weltbilds. Bereits 2012 waren
bei einer islamistischen Anschlagsserie vier Menschen, darunter
drei Kinder, vor einer jüdischen Schule in Toulouse
erschossen worden. Im Jahr 2014 erschoss ein französischer
Syrien-Rückkehrer in Brüssel vier Menschen, weil sie ein
jüdisches Museum besucht hatten. Im gleichen Jahr wurden
Synagogen und jüdische Geschäfte in ganz Frankreich von
marodierenden Terrorsympathisanten, die mit IS-Flaggen
und Pappmascheeraketen gegen die Existenz Israels
demonstrierten, angegriffen. Nach den Anschlägen der
letzten Woche mussten zum ersten Mal seit dem Ende der
deutschen Besatzung die Synagogen in Frankreich geschlossen
bleiben. Der antisemitische, antiwestliche Terror des
politischen Islams ist längst in Frankreich, in ganz Europa
angekommen.
Dieser Tage will die halbe Welt Charlie sein. – sogar
der Holocaustleugner Abu Mazen alias Mahmut Abbas,
auf dessen Befehl Journalisten im Westjordanland verfolgt
werden oder jene, die noch immer – ob aus Angst oder aus
Kulturrelativmus – vom Zeichnen des Propheten abraten.
Vom Antisemitismus als Motiv für das Massaker in einem
koscheren Supermarkt, hört man so gut wie nichts. Schlimmer
noch: Ein Reporter der BBC unterstellte während der
Liveübertragung des Pariser Trauermarsches „den Juden“ indirekt
eine Mitschuld am Terror. Unter diesen Bedingungen
lässt sich diffus Gewalt und Extremismus jeglicher Couleur
verurteilen – von einer grotesken Einheitsfront. Statt von
einem Massaker im Namen des Islams, spricht man von
einem generellen Angriff auf die Pressefreiheit. Vom türkischen
Politiker, der noch vor einigen Tagen der Terrororganisation
HAMAS ein neues Hauptquartier in seinem Land
einrichtete, über den ungarischen Ministerpräsidenten, der
nur zu gerne Geschäfte mit den Mullahs in Teheran macht,
bis hin zum Botschafter Saudi-Arabiens, dessen Regierung
fast zeitgleich einen Blogger auspeitschen ließ, der es
gewagt hatte dem wahhabitisch-islamischen Tugendterror
zu widersprechen: Sie alle nahmen am vergangenen Sonntag
am Trauermarsch in Paris teil. Selbst der Iran erklärte die
Angriffe für „unvereinbar“ mit dem Islam – ein Regime,
das vor genau 20 Jahren in Buenos Aires einen Anschlag
auf das jüdische Gemeindezentrum organisierte, bei dem
85 Menschen ermordet wurden. Diese Einheitsfront ist ein
Desaster, begünstigt durch den Kampfbegriff der Islamophobie,
der dringend nötige Religionskritik abschmettern
will. Unter ihm wird der antiwestliche und antisemitische
Terror von Paris zu einem Angriff auf den „wahren“ Islam
umgedeutet. Statt Kampf dem Antisemitismus Appeasement
gegenüber antisemitischen Mördern.
Und Deutschland? Es ist kaum noch leistbar jeden antisemitischen
Anschlag, jeden Übergriff zu dokumentieren.
Aber auch deutsche Politiker und sogenannte Intellektuelle
hatten nach dem Attentat nichts besseres zu tun, als sich
um das Bild des Islams in der Öffentlichkeit zu sorgen. Nur
wenige Tage danach demonstrierten sie auf Einladung des
Zentralrats der Muslime mit der Muslimbruderschaft gegen
islamistischen Terror. Während die islamistische Krisenreaktion
in Nigeria unter dem Namen Boko Haram weiter
mordet und vergewaltigt, verhindern sie jede ernstzunehmende
Debatte über den politischen Islam und sträuben
sich, die Dinge beim Namen zu nennen. Umso wichtiger ist
es, dass heute „gegen JEDEN Antisemitismus“ demonstriert
werden soll, und deshalb müssen wir heute auch von jenen
antisemitischen Ausfällen sprechen, nach denen wir nicht
auf die Straße gegangen sind – vielleicht, weil nicht Neonazis
sondern Linke und Islamisten die Täter waren. Eine
antifaschistische Bewegung darf nicht die Augen verschließen
vor islamistischem Terror und seinen kulturalistischen
Apologeten – es wäre besser, sie würde zu einer antibarbarischen
Bewegung.
Wir müssen außerdem feststellen: Jüdinnen und Juden
sind in Europa nicht mehr sicher. Bereits 2014 wanderten
so viele Juden aus Frankreich nach Israel aus wie niemals
zuvor. In absehbarer Zeit werden 100.000 Jüdinnen und
Juden aus Frankreich geflohen sein. Es ist einzig und allein
Israel, als bewaffneter jüdischer Staat, der ihre Sicherheit
garantieren kann und wird. Diesem Staat gilt unsere uneingeschränkte
Solidarität.
Gegen jeden Antisemitismus - was heißt das eigentlich?
Plädoyer für einen antibarbarischen Antifaschismus.
BÜNDNIS GEGEN ANTISEMITISMUS
DUISBURG